Beschreibung:

207 S., broschiert.

Bemerkung:

Altersentsprechend guter Zustand. Besitzvermerk auf Vorsatz. - Als Max Niedermann im Jahre 1918 seine «Essais d?etymologie et de critique verbale latines» veröffentlichte, widmete er in der Vorrede S. 7 den etymologischen Wörterbüchern die folgenden kritischen Worte: «Parmi les etymologies enregistrdes dans nos dictionnaires etymologiques, une tres notable partie ne sont que des idees en l?air, constructions fragiles, vagues ou arbitraires, qui ne meritent ä aucun degre la confiance croyante, avec laquelle on les reproduit sans cesse. Dans ce domaine, les linguistes, decidement, ne travaillent pas encore assez en profondeur; l?historique, la filiere des mots qui font l?objet de leurs combinaisons, sont souvent ä peine effleures et l?on se passe toujours trop facile-ment des secours de la philologie qui seule, pourtant, procure aux recherches sur les origines du vocabulaire d?une langue une assiette solide.» Niedermann ist 1954, ein reiches Lebenswerk zurücklassend, dahingegangen, wie etliche Jahre zuvor Wilhelm Heraeus und bald danach Einar Löfstedt, um drei große Meister von Studien jener Richtung zu nennen, an deren Beispiel die hier vorgelegten Untersuchungen anschließen möchten. Doch jene Worte haben heute noch nichts von ihrer Aktualität verloren. Trotz der nicht geringen Ernte der letzten 40 Jahre sind unsere Lexika noch gespickt mit Fehlern, Flüchtigkeiten und Aufstellungen, die ohne gründliche Prüfung des überlieferten Wortmaterials einmal hingeworfen und dann unausrottbar von Hand zu Hand weitergegeben worden sind. Wenn es dafür eines handfesten Beispiels bedarf, so sei etwa aufmerksam gemacht auf S. 559 der 3. Aufl. des Dictionnaire etymologique de la langue Latine von Ernout-Meillet (1951), wo zu intra folgende Bemerkung zu lesen steht: «dans la latinite imperiale, de meme que citra ?au-delä d?ici? a pris le sens de ?sans?, intra a pris le sens de ?avec?, cf. Apul., Flor. 1, 3 intra gloriam fuit facinus ?cet exploit ne fut pas sans gloire?.» - Daß intra ?innerhalb? sich zur Bedeutung ?mit? entwickelt haben sollte, wäre eine so singuläre Erscheinung, daß man die Stelle gerne im Kontext lesen möchte. Aber wer die Florida des Apuleius daraufhin durchsucht, wird eine Enttäuschung erleben. Die höchst banale Lösung des Rätsels ist die: die Stelle steht in Wirklichkeit im Geschiehtswerk des Florus (epit. 1, 3, 6), wo es heißt, daß man dem siegreichen Horatier die Strafe für die Tötung der Schwester erlassen habe um seines großen Verdienstes willen: cita-vere leges nefas, sed abstulit virtus parricidium et facinus intra (C, infra B) gloriam fuit. «Die Freveltat blieb unter dem Ruhm», d.h. der Ruhm stand in den Augen der Richter höher und deckte das Verbrechen zu. intra ist also im Sinne von infra gebraucht, was in kaiserzeitlicher Latinität ganz geläufig ist. Die Entlarvung eines solchen Irrtums in einem der anerkannten Standardwerke unserer Wissenschaft geschieht nicht in der schnöden Absicht, die Verfasser darob zu tadeln und ihr echtes Verdienst zu schmälern1. Niemand, der ein solches Werk schafft, kann sich dem Zwang entziehen, Angaben aus zweiter und fernerer Hand ohne durchgehende kritische Sichtung zu übernehmen, wenn er innerhalb der einem einzelnen Menschen zugemessenen Zeit seine Aufgabe zu Ende bringen will. Das Beispiel hätte ebensogut dem Wörterbuch von Georges oder irgendeinem anderen entnommen werden können; es mangelt nirgends an ähnlichen Versehen. Nur ein Unternehmen, das über einen ganzen Stab von Mitarbeitern während mehrerer Generationen verfügt, wie der Thesaurus linguae Latinae, wäre wirklich in der Lage, jene ungerechtfertigte Confiance croyante grundsätzlich beiseite zu setzen und jede Stelle im originalen Textzusammenhang zu prüfen. Der Preis, mit dem dieser Gewinn erkauft wird, ist das verhältnismäßig langsame Fortschreiten eines solchen Werkes, das einerseits dringend als Grundlage weiterer Forschung gebraucht, andererseits durch jede Hast gerade in jener Qualität der Akribie, die von keiner andern Seite erwartet werden darf, entwertet wird. Und schließlich bleibt an jedem Menschenwerk ein gewisser Rest von Unzulänglichkeit, den zu berichtigen künftigen Geschlechtern obliegen wird. (aus dem Vorwort)