Beschreibung:

124; 87, (1); 138 Seiten. Kl. 8° (16,5 x 11 cm) Priv.-Halblederband mit Goldprägung auf dem Rücken, Marmorpapierbezug und hübschen Buntpapiervorsätzen. [Hardcover / fest gebunden].

Bemerkung:

WG² 2-4. - Drei frühe Werke Panizzas zusammen gebunden in privatem Halbleder. Aus der großen Bibliothek des bekannten, aus baltischem Adel stammenden Münchner Malers, Buchillustrators, Bohemiens und Bibliophilen Rolf von Hoerschelmann (1885-1947; wegen seiner Körpergröße auch "Der kleine Hoerschel"), Illustrator des Simplicissimus und der Fliegenden Blätter, Mitglied der Gesellschaft der Münchner Bücherfreunde, Freund von Alfred Kubin, Carl Georg von Maassen, Max Unold, Thomas Mann, Karl Wolfskehl, Franziska von Reventlow, Ricarda Huch und vielen anderen Schwabinger Künstlern der Zeit. - Der Arzt, Schriftsteller, Satiriker und Publizist Leopold Hermann Oskar Panizza (1853-1921) attackierte in seinen teils grotesken, teils satirischen Schriften den wilhelminischen Obrigkeitsstaat, die katholische Kirche, sexuelle Tabus und bürgerliche Moralvorstellungen. Als literarischer Individualist nimmt er eine Sonderrolle in der deutschen Literaturgeschichte ein; sein Schreibstil war spontan, flüchtig und unkonventionell, bediente sich ab 1893 einer phonetischen Orthographie. Das von spektakulären Literaturskandalen begleitete Werk Oskar Panizzas ist kaum von seiner bewegten Lebensgeschichte zu trennen: Nach einer streng pietistischen Erziehung und einer von Leistungsverweigerung geprägten Schulzeit wurde er Assistenzarzt in der Psychiatrie, wandte sich aber bald der Literatur zu. Seine blasphemischen Provokationen brachten ihn nach einem aufsehenerregenden Prozess 1895 ein Jahr lang wegen Gotteslästerung ins Gefängnis. Er gab die deutsche Staatsangehörigkeit auf und ging ins Exil nach Zürich und, nachdem er dort ausgewiesen worden war, nach Paris. Nach Erscheinen seines Gedichtbandes Parisjana 1899 lief eine internationale steckbriefliche Fahndung wegen Majestätsbeleidigung nach ihm, und sein gesamtes in Deutschland verbliebenes Vermögen wurde eingezogen. Deshalb nach Deutschland zurückgekehrt, endete der ehemalige Irrenarzt Panizza, der sich offenbar während seines Studiums mit Syphilis infiziert hatte, selbst als paranoider, von Wahnvorstellungen und Halluzinationen beherrschter Geisteskranker in einer Nervenklinik. Nach 16 Jahren in der Heilanstalt starb er 1921 im Bewusstsein, als Dichter gescheitert zu sein: ?Ich hab umsunst gelebt?. - Die 1885 erschienenen "Düsteren Lieder" standen in deutlicher Tradition des bewunderten Heinrich Heine. Obwohl der Gedichtband, ebenso wie die beiden folgenden Werke "Londoner Lieder" sowie "Legendäres und Fabelhaftes" nur geringste öffentliche Resonanz hervorriefen, bedeuteten sie für den labilen Dichter eine Befreiung. Das Schreiben hatte therapeutische Wirkung auf Panizza. Nach Erscheinen der lyrischen Trilogie rückte die Poesie, wiewohl Panizza sie als die höchste Form menschlichen Ausdrucks ansah, in den Hintergrund seines Schaffens. - Leder an Rücken, Außengelenken und Ecken etwas beschabt. Schnitte leicht stockfleckig. Papier gelegentlich leicht braunfleckig, die mit eingebundenen Orig.-Umschläge etwas angeschmutzt. Insgesamt gutes, wenngleich nicht spurlos gealtertes Exemplar der frühen lyrischen Arbeiten Panizzas in Erstausgaben.